B06: Moderne Verteidigung
In der ersten Runde wurde ich Opfer der FIDE-Verfügung, die für ELO-Auswertungen eine Setzliste nach dem Schema ELO vor DWZ vorschreibt. Als DWZ-stärkster nicht ELO-Träger landete ich auf dem obersten Platz in der unteren Hälfte der Setzliste und bekam gleich mal einen Internationalen Meister vorgesetzt.
Noch nie hatte ich eine ernsthafte Partie gegen einen derart starken Gegner gespielt, also eine echte Herausforderung. Für mich kam erschwerend die ungewohnte Situation hinzu, dass die Partie an Brett 1 stattfand und damit im Brennpunkt des allgemeinen Interesses stand. Als Schachspieler ist man ja normalerweise keine Zuschauermassen gewöhnt, die sich um den eigenen Tisch drängen.
Ich versuchte, das Beste daraus zu machen und dem Meister einen echten Kampf zu liefern. Leitmotiv war dieTrampelfantentaktik (Simon Webb - Schach für Tiger), also der Versuch, das Zufallsmoment zu verstärken und zu hoffen, dass sich der stärkere Spieler (=Trampelfant) zuerst im Sumpf verfängt. Es klappte leider nicht ganz - Tiger finden sich eben auch im Sumpf schlechter zurecht als Trampelfanten - aber es wurde wenigstens kein gemütlicher Abend für den Meister.
1.d4
g6
2.e4
Lg7
3.Sc3
d6
4.f4
a6
5.Sf3
b5
6.Ld3
Sd7
7.e5
c5
8.Sg5
[8.Le4
ist ruhiger und ebenfalls aussichtsreich. Für ihn wäre es vielleicht klüger gewesen, den sich nun ergebenden halsbrecherischen Verwicklungen aus dem Weg zu gehen und mich einfach positionell zu schlagen.]
8...cxd4!
gießt kräftig Öl ins Feuer. [8...Sh6
ist die ruhigere Alternative]
9.e6
f5!
erzwungen aber stark. Das mit diesem Zug verbundene Figurenopfer habe ich leider nicht selbst erfunden. Es krönt jedoch die schwarze Strategie und führt eine extrem unübersichtliche Stellung herbei, in der auch sehr starke Spieler leicht mal danebengreifen können. Die Korrektheit ist nicht wichtig, sollen sich doch die Computer mit solchen Fragen beschäftigen.
10.Sd5!
Mein Gegner kannte die Variante nicht und dachte mehr als 30 Minuten für diesen Zug nach. Er sah in dieser Zeit unglaublich viel, fand aber keine wirklich überzeugende Fortsetzung und fühlte sich sichtlich unwohl in der Stellung. [10.Sf7
Da5
11.Df3
Tb8
12.exd7+
Lxd7
13.Sxh8
Lxh8=
; 10.Lxf5?
Sdf6
(10...gxf5??
11.Dh5+
wird matt) 11.Le4
d5
12.Sxh7
(12.Sf7
Da5
13.Dxd4
dxe4
14.Sxh8
Lxh8
15.Le3
Lxe6-/+
) 12...dxe4!
(12...Txh7
13.Lxg6+
Kf8
14.Se2
Th8
15.Sxd4
ist hingegen ausgeglichen) 13.Sxf6+
Sxf6
mit Gewinn für Schwarz]
10...Sh6?!
[nach Einschätzung von Thomas Henrichs erhält Schwarz Vorteil nach dem Damenopfer 10...Sc5!?
11.Sf7
Lxe6
12.Sxd8
Lxd5
Materiell sind zwei Springer und 2 Bauern gegen die Dame kein sehr großes Opfer und Schwarz erhält nach e5 ein mächtiges Zentrum und eine Stellung, die sich von selbst spielt. Rybka ist Materialist und sieht dennoch eher Weiß im Vorteil.; 10...Sb6?
11.Sf7
erzwingt das Damenopfer unter ungünstigeren Bedingungen]
11.a4
er verschmäht den Figurengewinn und führt stattdessen eine dynamische Stellung herbei, die von beiden Spielern eine exakte Variantenberechnung verlangt. Unter praktischen Gesichtspunkten eine gute Entscheidung, musste er doch damit rechnen, dass ich nach Annahme des Figurenopfers weiterhin in meiner Vorbereitung sein würde. [>=11.exd7+!?
Lxd7
12.a4+/-
Rybka hätte die Figur genommen und das starke schwarze Zentrum mit einem Lächeln ertragen.]
11...Sc5
12.axb5
0-0?!
Aktivität über alles! [besser ist vielleicht trotzdem das schlichte 12...Lb7
13.Lc4
0-0
14.bxa6
Lxd5
15.Lxd5
Txa6
16.Txa6
Sxa6
17.0-0
Sb4
mit gutem Spiel für Schwarz]
13.Lc4
[13.Ld2!?
Lb7
14.La5+/=
]
13...Lb7
14.bxa6
Sxa6?!
dieser Zug ist zwar spielbar, aber nicht erste Wahl. Schwarz unterschätzt die Gefahr, die von dem Sd5 droht. [14...Lxd5
15.Lxd5
Txa6
16.Txa6
Sxa6
17.0-0
ist völlig in Ordnung]
15.0-0
Sc5
16.Txa8
Dxa8!?
ich war davon überzeugt, dass er den Be7 nicht gut nehmen kann, weil der Springer gefangen wird, und lag damit nicht ganz falsch, obwohl ich längst nicht alle taktischen Ressourcen gewürdigt hatte. [>=16...Lxa8!?
kommt in Betracht 17.h3
Sa4=
]
17.Sxe7+
Kh8
18.De2
[18.b4
Sa4
19.Dd3
Lxg2+/=
]
18...Se4
Von e4 entfaltet der Springer einige Wirkung [18...Lf6
19.b4
Se4
20.Lb2
Lxe7
21.Lxd4+
Kg8
22.Ta1=
(Rybka)]
19.Dd3
[19.Tf3
Da7
20.Kh1=
(Rybka); ich dachte, dass Dd3 nur den Rückzug für den Springer sichern sollte und glaubte für einen Moment an einen Einsteller des Meisters. Er hatte bis dahin sehr viel Zeit gebraucht und es schien mir nicht unmöglich, dass er in beginnender Zeitnot fehlgreifen würde. 19.--
d5
20.Lb5
Dd8
21.Sxf5
(21.Sc6?
Db6-/+
das war das Irrlicht, welches mir den Zug Dd3 erklärte) 21...Sxf5
22.Sf7+
Txf7
23.exf7
De7=
]
19...Te8??
Ach, hätte ich an dieser Stelle doch nur ein paar der mir verbliebenen 25 Minuten investiert... Dieser Patzer läuft in eine schöne, aber nicht unvorhersehbare Kombination und verdirbt alles. [>=19...Lf6!
war viel besser 20.Sxg6+
(20.Dh3
Lxe7
21.Dxh6
Sxg5
22.fxg5
Lxg2
23.Tf4
Da1
24.Kxg2
Dxc1
25.Th4
Dd2+
wird ebenfalls Dauerschach) 20...hxg6
21.Dh3
Lg7!
(21...Kg7
22.e7
Tc8
23.Se6+
Kh7
24.Tf3
ist laut Rybka ausgeglichen, aber ich habe den Verdacht, dass hier der stärkere Spieler gewinnen wird) 22.e7
Te8
23.Sf7+
Kh7
24.Sg5+
ergibt Remis durch Dauerschach. Er kann natürlich abweichen, muss dabei aber erhebliche Risiken eingehen.]
20.Sf7+
Sxf7
21.Sxg6+!
und aus.
21...hxg6
22.exf7
Wegen des auf h3 drohenden Matts fehlt Schwarz die Zeit, seinen Turm in Sicherheit zu bringen.
22...Lf6
Den Rest hätte ich mir vielleicht schenken können, aber er war in Zeitnot und musste noch ein paar genaue Züge finden.
23.fxe8D+
Dxe8
24.b3
Kg7
25.Lb2
Sc5
26.Dd2
Se4
27.Db4
Sc5
28.Te1
Dc6
29.Lf1
Lh4
30.Dxd4+
1-0