(287) IM Henrichs,Thomas (2500) - Dickmann,Thomas (2031) [B06]
RHIO Essen (1), 20.05.2009
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B06: Moderne Verteidigung
In der ersten Runde wurde ich Opfer der FIDE-Verfügung, die für ELO-Auswertungen eine Setzliste nach dem Schema ELO vor DWZ vorschreibt. Als DWZ-stärkster nicht ELO-Träger landete ich auf dem obersten Platz in der unteren Hälfte der Setzliste und bekam gleich mal einen Internationalen Meister vorgesetzt.
Noch nie hatte ich eine ernsthafte Partie gegen einen derart starken Gegner gespielt, also eine echte Herausforderung. Für mich kam erschwerend die ungewohnte Situation hinzu, dass die Partie an Brett 1 stattfand und damit im Brennpunkt des allgemeinen Interesses stand. Als Schachspieler ist man ja normalerweise keine Zuschauermassen gewöhnt, die sich um den eigenen Tisch drängen.
Ich versuchte, das Beste daraus zu machen und dem Meister einen echten Kampf zu liefern. Leitmotiv war dieTrampelfantentaktik (Simon Webb - Schach für Tiger), also der Versuch, das Zufallsmoment zu verstärken und zu hoffen, dass sich der stärkere Spieler (=Trampelfant) zuerst im Sumpf verfängt. Es klappte leider nicht ganz - Tiger finden sich eben auch im Sumpf schlechter zurecht als Trampelfanten - aber es wurde wenigstens kein gemütlicher Abend für den Meister.

1.d4 g6 2.e4 Lg7 3.Sc3 d6 4.f4 a6 5.Sf3 b5 6.Ld3 Sd7 7.e5 c5 8.Sg5
[8.Le4 ist ruhiger und ebenfalls aussichtsreich. Für ihn wäre es vielleicht klüger gewesen, den sich nun ergebenden halsbrecherischen Verwicklungen aus dem Weg zu gehen und mich einfach positionell zu schlagen.]

8...cxd4!
gießt kräftig Öl ins Feuer. [8...Sh6 ist die ruhigere Alternative]

9.e6 f5!
erzwungen aber stark. Das mit diesem Zug verbundene Figurenopfer habe ich leider nicht selbst erfunden. Es krönt jedoch die schwarze Strategie und führt eine extrem unübersichtliche Stellung herbei, in der auch sehr starke Spieler leicht mal danebengreifen können. Die Korrektheit ist nicht wichtig, sollen sich doch die Computer mit solchen Fragen beschäftigen.

10.Sd5!
Mein Gegner kannte die Variante nicht und dachte mehr als 30 Minuten für diesen Zug nach. Er sah in dieser Zeit unglaublich viel, fand aber keine wirklich überzeugende Fortsetzung und fühlte sich sichtlich unwohl in der Stellung. [10.Sf7 Da5 11.Df3 Tb8 12.exd7+ Lxd7 13.Sxh8 Lxh8= ; 10.Lxf5? Sdf6 (10...gxf5?? 11.Dh5+ wird matt) 11.Le4 d5 12.Sxh7 (12.Sf7 Da5 13.Dxd4 dxe4 14.Sxh8 Lxh8 15.Le3 Lxe6-/+ ) 12...dxe4! (12...Txh7 13.Lxg6+ Kf8 14.Se2 Th8 15.Sxd4 ist hingegen ausgeglichen) 13.Sxf6+ Sxf6 mit Gewinn für Schwarz]

10...Sh6?!
[nach Einschätzung von Thomas Henrichs erhält Schwarz Vorteil nach dem Damenopfer 10...Sc5!? 11.Sf7 Lxe6 12.Sxd8 Lxd5 Materiell sind zwei Springer und 2 Bauern gegen die Dame kein sehr großes Opfer und Schwarz erhält nach e5 ein mächtiges Zentrum und eine Stellung, die sich von selbst spielt. Rybka ist Materialist und sieht dennoch eher Weiß im Vorteil.; 10...Sb6? 11.Sf7 erzwingt das Damenopfer unter ungünstigeren Bedingungen]

11.a4
er verschmäht den Figurengewinn und führt stattdessen eine dynamische Stellung herbei, die von beiden Spielern eine exakte Variantenberechnung verlangt. Unter praktischen Gesichtspunkten eine gute Entscheidung, musste er doch damit rechnen, dass ich nach Annahme des Figurenopfers weiterhin in meiner Vorbereitung sein würde. [>=11.exd7+!? Lxd7 12.a4+/- Rybka hätte die Figur genommen und das starke schwarze Zentrum mit einem Lächeln ertragen.]

11...Sc5 12.axb5 0-0?!
Aktivität über alles! [besser ist vielleicht trotzdem das schlichte 12...Lb7 13.Lc4 0-0 14.bxa6 Lxd5 15.Lxd5 Txa6 16.Txa6 Sxa6 17.0-0 Sb4 mit gutem Spiel für Schwarz]

13.Lc4
[13.Ld2!? Lb7 14.La5+/= ]

13...Lb7 14.bxa6 Sxa6?!
dieser Zug ist zwar spielbar, aber nicht erste Wahl. Schwarz unterschätzt die Gefahr, die von dem Sd5 droht. [14...Lxd5 15.Lxd5 Txa6 16.Txa6 Sxa6 17.0-0 ist völlig in Ordnung]

15.0-0 Sc5 16.Txa8 Dxa8!?
ich war davon überzeugt, dass er den Be7 nicht gut nehmen kann, weil der Springer gefangen wird, und lag damit nicht ganz falsch, obwohl ich längst nicht alle taktischen Ressourcen gewürdigt hatte. [>=16...Lxa8!? kommt in Betracht 17.h3 Sa4= ]

17.Sxe7+ Kh8 18.De2
[18.b4 Sa4 19.Dd3 Lxg2+/= ]

18...Se4
Von e4 entfaltet der Springer einige Wirkung [18...Lf6 19.b4 Se4 20.Lb2 Lxe7 21.Lxd4+ Kg8 22.Ta1= (Rybka)]

19.Dd3

[19.Tf3 Da7 20.Kh1= (Rybka); ich dachte, dass Dd3 nur den Rückzug für den Springer sichern sollte und glaubte für einen Moment an einen Einsteller des Meisters. Er hatte bis dahin sehr viel Zeit gebraucht und es schien mir nicht unmöglich, dass er in beginnender Zeitnot fehlgreifen würde. 19.-- d5 20.Lb5 Dd8 21.Sxf5 (21.Sc6? Db6-/+ das war das Irrlicht, welches mir den Zug Dd3 erklärte) 21...Sxf5 22.Sf7+ Txf7 23.exf7 De7= ]

19...Te8??
Ach, hätte ich an dieser Stelle doch nur ein paar der mir verbliebenen 25 Minuten investiert... Dieser Patzer läuft in eine schöne, aber nicht unvorhersehbare Kombination und verdirbt alles. [>=19...Lf6! war viel besser 20.Sxg6+ (20.Dh3 Lxe7 21.Dxh6 Sxg5 22.fxg5 Lxg2 23.Tf4 Da1 24.Kxg2 Dxc1 25.Th4 Dd2+ wird ebenfalls Dauerschach) 20...hxg6 21.Dh3 Lg7! (21...Kg7 22.e7 Tc8 23.Se6+ Kh7 24.Tf3 ist laut Rybka ausgeglichen, aber ich habe den Verdacht, dass hier der stärkere Spieler gewinnen wird) 22.e7 Te8 23.Sf7+ Kh7 24.Sg5+ ergibt Remis durch Dauerschach. Er kann natürlich abweichen, muss dabei aber erhebliche Risiken eingehen.]

20.Sf7+ Sxf7 21.Sxg6+!
und aus.

21...hxg6 22.exf7
Wegen des auf h3 drohenden Matts fehlt Schwarz die Zeit, seinen Turm in Sicherheit zu bringen.

22...Lf6
Den Rest hätte ich mir vielleicht schenken können, aber er war in Zeitnot und musste noch ein paar genaue Züge finden.

23.fxe8D+ Dxe8 24.b3 Kg7 25.Lb2 Sc5 26.Dd2 Se4 27.Db4 Sc5 28.Te1 Dc6 29.Lf1 Lh4 30.Dxd4+ 1-0